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14. Dezember 2018

Ich bin Rassist – Anstiftung zur Selbstkritik

Ich sage nicht mehr Neger zu dir und du nennst mich nicht mehr Rassist. Deal?

zerbrochener Teller - zerschlagenes Porzellan - gescheiterte Kommunikation

Da ist dieser Mann, der mich nach dem Weg fragt. Er spricht meine Sprache nicht. Ich erkläre nochmal von vorn “Sie müssen vor bis zur Kreuzung und dann die zweite links”. Er versteht mich noch immer nicht. “Da vorne…” wildes zeigen und gestikulieren. Ist der blöd?

Ich ertappe mich, wie ich mit einem erwachsenen Mann rede, als wäre er ein kleines Kind. Mein Unterbewusstsein meldet sich und versucht mich zu beruhigen “Du hast ihn wenigstens nicht geduzt”. Immerhin.

Es ist gar nicht so einfach, kein Rassist zu sein

Ich gebe es ungern zu, aber ich bin mit Vorurteilen vollgepumpt wie ein Mastschwein mit Antibiotika. Vorurteile sind per se ja nichts schlechtes. Vorurteile können durchaus hilfreich sein, im Alltag die Flut an Informationen und die Unmenge zu treffender Entscheidungen zu bewältigen.

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Vorurteile haben scheinbar immer Recht. Das ist ihr Nachteil.

Weil Vorurteile uns im Normalbetrieb ganz gut durch den Alltag manövrieren, setzen sie sich fest wie ein altes Kaugummi. Nur: Solange wir unseren Vorurteilen folgen, haben wir gar nicht die Chance, sie zu revidieren. Deshalb sind Vorurteile gefährlich. Zudem berauben wir uns dadurch neuer Erkenntnisse.

Gut gemeint und trotzdem rassistisch

“Woher kommen Sie?” “Sie sprechen aber gut Deutsch.” Je nachdem, wem man diese Frage stellt, ist man schon ins Fettnäpfchen gesprungen. Eigentlich will man ja nur freundlich sein, ins Gespräch kommen, Komplimente machen. Wie ich gerade lerne, fängt hier schon der Rassismus an. Mark Terkessidis hat das allerdings schon 2004 in seinem Buch “Die Banalität des Rassismus” so analysiert.

Ich weiß nicht mehr, was Ok für Dich ist

Ich verstehe die akademische Analyse, sie lässt mich aber auch ratlos zurück. Von #metoo bis #metwo verstehen es die Kampagnen, Defizite und Fehler aufzuzeigen.

Verstanden. Aber wo sind die Lösungen für den Alltagsrassismus? Wie sollte es denn besser heißen?

Das Figur-Grund-Phänomen

Aus der Gestaltpsychologie wissen wir, dass unser Gehirn aus der Unmenge an Sinneseindrücken diejenigen herausfiltert, die es als am wichtigsten erachtet, die sich von der Masse abheben.

Würde ich am Sitz der Vereinten Nationen arbeiten, wäre Vielfalt für mich die Regel. Begegnet mir hingegen in einem deutschen Finanzamt ein Sachbearbeiter mit dunklem Teint und vielen Vokalen im Namen, dann bemerke ich das als Ausnahme. Ich denke mir ehrlich nichts Böses dabei, wenn ich meiner menschlichen Neugier freien Lauf lasse. Dass mein Gegenüber davon möglicherweise genervt ist, weil er ständig darauf angesprochen wird, verstehe ich natürlich auch.

Also wie korrekt mit der Situation umgehen? Ich habe Interesse an der Geschichte meines Gegenübers, das habe ich bisher immer als etwas Positives angesehen. Würde ich Reinhold Messner begegnen, würde ich ihn wahrscheinlich auch mit schon tausendmal gestellten Fragen nerven.

Ok, eine Lösung ist: wir brauchen mehr Vielfalt überall. Aber wie verhalte ich mich, bis wir das geschafft haben?

Das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation

Nach dem Kommunikationsmodell von Schulz von Thun hat jede Nachricht vier Seiten. Genau genommen aber acht: die vier Seiten des Empfängers und die vier Seiten des Senders.

Ich halte es für problematisch, die Deutung einer Nachricht allein dem Empfänger zu überlassen. Natürlich kommt es vor, dass ein “gut gemeint” nicht gut ankommt. Aber zu einer gelingenden Kommunikation gehört eben auch, sich im Zweifel zu vergewissern, ob das Verstandene dem Gemeinten entspricht.

Wenn sich jemand durch meine Ansprache diskriminiert fühlt, dann brauche ich eine faire Chance, das richtig zu stellen und daraus zu lernen: Wie soll ich mich besser ausdrücken?

Oder wie ich mal von meiner Mutter gesagt bekam: “Du siehst ja beschissen aus”. Sie meinte, dass ich nach stundenlanger anstrengender Autofahrt müde und erschöpft aussehe. Ich hatte das natürlich auch erstmal falsch verstanden, aber wir haben das dann geklärt ;-)

Den Alltagsrassismus überwinden verlangt gelingende Kommunikation und gegenseitiges Lernen. #metwo Klick um zu Tweeten

Warum treten wir in der Rassismus-Debatte immer noch auf der Stelle?

Die aktuelle Kampagne #metwo sagt uns eigentlich nichts neues. Außer, dass sich noch immer nicht allzu viel verbessert hat: Schon 2014 gab es die Kampagne #auchichbinDeutschland.

Noch schlimmer: Bereits 2010 hat der UN-Sonderberichterstatter zu Rassismus, Githu Muigai seinen Deutschlandbericht vorgelegt. Hat sich seit dem wirklich was zum besseren gewendet?

 

Bilder mit freundlicher Genehmigung von chuttersnap, Klaus-Dieter Keller und Schulz von Thun Institut
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