29. März 2017

Wenn ich ein Grieche wäre…

Griechenland - wenn Politik und Kommunikation scheitern

Griechenland Agios Stefanos: OXI
Griechenland schafft auch in schwierigsten Lagen Großartiges

Konservative und Neo-Liberale des “alten” Europas wollen uns noch immer die Phantasmagorie verkaufen, es gehe darum, geliehenes Geld von Griechenland zurückzufordern und das könnte klappen. Das ist zutiefst unehrlich. Tatsächlich will man das gewohnte “Geschäftsmodell Europa” erhalten. Koste es, was es wolle. Griechenland wiederum hat ein neues Ziel ausgegeben: Einen Neuanfang, um das Land wieder auf die Beine zu stellen. Leider hat sich SYRIZA mehr als tölpelhaft auf den Weg gemacht und schon den Start verstolpert. Das Scheitern hat ein Datum: Der Rausschmiss der “Troika” auf einer Pressekonferenz.


Exakt in Sekunde 0:55 kommt es zum Bruch. In der Sache hat Varoufakis recht, die Troika ist keine Lösung, im Gegenteil. Aber seine Form ist pures Imponiergehabe, ein taktischer Fehler. Der Eklat zum Nachlesen.

Alle Beteiligten sind nun gemeinsam in einer Sackgasse gelandet. Der Dialog muss neu begonnen werden: Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen.

Wenn Europa ernst gemeint ist, muss es Griechenland helfen

Griechenland muss auf eine neue, solide wirtschaftliche Grundlage gestellt werden. Dabei zu helfen ist Europas erste Pflicht. Die europäischen Werte verpflichten uns dazu. Ein Marshallplan für Griechenland, das sagt der ökonomische Sachverstand: Technische Hilfe in Verbindung mit Geld. Diese Idee hat schon Europa nach dem zweiten Weltkrieg wieder auf die Beine geholfen.

Wiederholt Europa den Fehler der Ukraine-Krise?

Wenn ich ein Grieche wäre, ich müsste beim Referendum zwischen Pest und Cholera entscheiden. Was ist schief gelaufen? Europa und Griechenland haben die ganze Zeit aneinander vorbeigeredet. Für mich ist das ein Déjà-vu mit Putin und der Ukraine: Erst scheitert die Kommunikation, dann die Politik.

Auf der einen Seite das “alte” Europa. Man will sein Geld zurück. Frisches Geld gibt es nur für jene, die sich willfährig dem Diktat der (ehemaligen) “Troika” unterwerfen. Griechenland bekommt nicht nur gesagt, das es heftigst sparen muss. Europa will Griechenland auch en Detail vorschreiben, wo genau es zu sparen hat. Basta.

Auf der anderen Seite Griechenland. Hoffnungslos abgewirtschaftet und ausgeraubt von habgierigen “Eliten” und korrupten Altparteien. Die Griechen haben ganz genau verstanden, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Deshalb haben sie in ihrer Parlamentswahl am 25. Januar 2015 die SYRIZA als stärkste Kraft gewählt. Eine Partei, die den Wechsel will. Ja, auch den Systemwechsel. Und der ist in Griechenland bitter notwendig. Vermutlich nicht nur dort.

Die bisherigen Spardiktate haben Griechenland in ein menschliches und wirtschaftliches Elend neuen Ausmaßes gestürzt. Woher nimmt Brüssel den Optimismus, mit einem “weiter so” und “noch mehr davon” würde sich irgendwas zum Besseren wenden?

“Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.”

So würde Albert Einstein diese Idee kommentieren. Fakt ist: Die bisherigen Hilfsgelder sind futsch. Was nicht zur Bilanzrettung vornehmlich deutscher und französischer Banken verbraucht wurde, das haben sich die dekadenten und asozialen Oligarchen Griechenlands in die Taschen gewirtschaftet. Beim Volk sind allenfalls Brosamen angekommen.

Griechenland sind seine Probleme durchaus bekannt. SYRIZA ist gewählt worden, diese Probleme anzugehen: Überregulierung bekämpfen, Korruption beseitigen, ein funktionierendes Steuersystem, eine arbeitsfähige, effiziente Steuerverwaltung aufbauen um überhaupt erst mal Steuergerechtigkeit herzustellen… um nur die größten Baustellen zu nennen. Kann man ernsthaft nach nur 6 Monaten schon Resultate erwarten? Hierzulande dauert manchmal schon die Regierungsbildung so lange.

Griechenland: Bankrotterklärung des Journalismus

Und die Presse krönt das Drama mit einem Griechenland-Mobbing ohne Gleichen. Exemplarisch ein Sigmund Gottlieb vom BR, der sich mit seiner persönlichen Hetzkampagne wohl schon als CSU-Regierungssprecher empfehlen möchte. Viel gefährlicher aber noch die Jauchs und Plasbergs, die mit ihrem nachplappern von Plattitüden wie “Hausaufgaben machen”, “Gürtel enger schnallen” und “schwäbischer Hausfrau” ihre journalistische Reputation zur Disposition stellen. Ihre Mission heißt einlullen und Wolfgang Schäuble, dem Metternich des Finanz-Europa den Weg zu bereiten. Über das “4-letter-word”-Blättchen will ich gar nicht erst anfangen mich aufzuregen.


Premium-Demagogie statt Qualitätsjournalismus: Vermutlich moderiert Sigmund Gottlieb sein Griechen-Bashing nur noch mit einer Dauererektion. Wie wenig sich die deutsche Presse in Sachen Griechenland mit Ruhm bekleckert hat, können Sie hier nachlesen.

όχι

Wenn ich ein Grieche wäre: Ich würde mit Nein stimmen. Ein Weiter-So zementiert nur das Desaster. Und ich würde mir strengstens verbitten, dass sich irgendwelche Institutionen über die Demokratie zu stellen wagen. Wir brauchen einen Neuanfang: Solidarität, europäische Partnerschaft, Zeit, Geduld und vor allem Geld. Die europäische Idee und die europäischen Werte müssen neu mit Leben erfüllt werden. Also: όχι!

PS: Ein Referendum innerhalb einer Woche auf die Beine stellen, inklusive Überprüfung durch das höchste Gericht: Wer außer den Griechen hat das jemals geschafft?

Quellen und weiterführende Links

Bildnachweis

Griechenland Agios Stefanos von Gölin Doorneweerd

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2 Kommentare zu Wenn ich ein Grieche wäre…

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